Belletristik / Lustromane
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Der abenteuerliche Simplicius Simplicissmus

Autor(en): H.J.C. v. Grimmelshausen/Reinhard Kaiser
Verlag: Die Andere Bibliothek/Eichborn
Preis: 69
ISBN: 978-3-8218-6224-3
Erschienen: 10. August 2009

Durschnittliche Bewertung: Bewertung: 5 von 5 Sternen

Buchauszug:

Kaum war ich im Haus, da musste ich ins Empfangszimmer, denn es waren bei meinem Herrn einige adelige Damen, die seinen neuen Narren gern sehen und hören wollten. Ich erschien und stand da wie ein Stummer, was diejenige, an die ich mich beim Tanz geklammert hatte, zu der Bemerkung veranlasste, sie habe sich sagen lassen, dieses Kalb könne reden, doch nun erkenne sie, dass es nicht wahr sei. Worauf ich erwiderte, Affen könnten nicht reden, doch nun hörte ich, dass auch dies nicht stimme.

"Wie bitte?" rief mein Herr. "Willst du etwa behaupten, diese Damen seien Affen?"

Ich erwiderte: "Wenn sie keine sind, dann werden sie wohl bald welche werden. Unverhofft kommt oft. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal ein Kalb würde, und bin´s nun doch."

Mein Herr fragte, woran ich sähe, dass sie Affen werden würden.

Ich antwortete: "Unser Affe läuft mit nacktem Hintern herum, so wie diese Damen jetzt schon mt ihren Brüsten, während andere Mädchen sie ja zu bedecken pflegen."

"Du schlimmer Vogel", sagte mein Herr. "Ein närrisches Kalb bist du."

Die gloriose Übersetzung des "abenteuerlichen Simlpcis Simplicissimus" vom barocken ins gängige Deutsch stammt von Reinhard Kaiser.

README Buchbesprechung:

Autor: avb, Datum: 20.08.2009
Buch-Bewertung: Bewertung: 5 von 5 Sternen
Jeder einigermaßen Gebildete hat ihn zu kennen: den Kriegs-Mord-Grausamkeiten-Thriller, die Robinson-Parzival-Magier-Hexen-Fanatsy-Fiction, den Roman über Simplicius Simplicissimus, aber selbst wenn die Gebildeten den Namen schon mal gehört haben - gelesen hat das dicke Bauch niemand außer Germanistik- oder Geschichtsstudenten, und auch die sicherlich ungern.

Die barocke Sprache des Badener Autors Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, der das Buch im Winter 1668/69 in Nürnberg herausgab, versteht heute kaum noch jemand. Zu sehr hat sich die Bedeutung vieler Wörter in den vergangenen 400 Jahren verändert, zu viele sind einfach in Vergessenheit geraten. Deshalb machte sich der moderne Grimmelshausen-Kollege Reinhard Kaiser ans Werk, schrieb den "Simplicius Simplicissimus" sozusagen neu und zeigt den verblüfften Lesern: der alte, nur noch von Literaturkennern gelobte Grimmelshausen war ein hinreißender Erzähler, ein großartiger Thriller-, Fantasy- und Gruselschreiber, ein erstklassiger Psychologe und Satiriker.

Reinhard Kaiser ist selbst ein bekannter Literat, viel gelobter Übersetzer aus dem Englischen, als Lektor und Herausgeber eng mt "Der Anderen Bibliothek" verbunden, in der der neue Simplicius Simplicissimus erschien. Wahrscheinlich können außer ihm selbst nur ein paar Spezialisten sagen, wie eng er sich ans Original hielt, aber das ist unwichtig. Ob der Bauernjunge, der sich so mühsam wie frech durch den Dreißigjährigen Krieg schlängelt, später Abenteuer a la Robinson Crusoe erlebt, Gespenster erfindet und vertreibt, immer neue Süppchen kocht, die nur ihm schmecken - ob der nun a la Kaiser gesprochen hat oder anders, ist völlig egal. Der moderne Leser versinkt in diesem Roman wie in extraweichen Daunenkissen, atemlos ob der Grausamkeiten, die hier ganz en passant geschildert werden.  Er schnappt vor Lachen nach Luft, wenn Simplicius wieder mal einen der "hohen Herren" reinlegt, und befreit sich beim nächsten Handyklingeln nur mühsam und nur sehr unwillig aus dem Zauber, den das Dreamteam Grimmelshausen & Kaiser hier ausüben.

Literaturkritiker a la Reich-Ranicki bemühen sich ja immer wieder, einen Literaturkanon aufzustellen, den jeder Deutsche gelesen haben soll. Vergeblich natürlich, weil Harry Potter oder der Herr der Ringe, blutrünstige Psychothriller und gefällige Liebesromane die Wünsche der Hierundjetztleser weit besser erfüllen. Wer will da schon die immer wieder empfohlenen Goetheschen Wahlverwandschaften lesen? Oder Langweilerwerke von Thomas Mann?

Grimmelshausen kann man jetzt wieder lesen. Als History- wie als Fantasy-Fiction, den ersten der beiden Bände auch als brillant-bitteren Kriegsroman. Schließlich geht es heute bei der Eroberung eines sudanesischen Dorfes nicht viel anders zu als im 17. Jahrhundert bei der eines deutschen: die Frauen werden vergewaltigt, die Männer entweder gleich umgebracht oder solange gefoltert, bis sie den letzten Cent herausrücken, alle Vorräte weggeschleppt. Die Truppe will ja von irgendetwas leben. Und vom Krieg profitieren, aufsteigen in den Adel, denn der definierte sich damals ja nicht nach so seltenen und deshalb hoch gejubelten Tugenden wie Anstand und Treue gegenüber dem Fürsten. Geadelt wurde, wer Besitz erobert und für sich gesichert hatte. Und dem Herrscher nützlich wurde, weil er das "gemeine Volk" zur Ruhe und zum Steuerzahlen zwang.

Ist "Der abenteuerliche Simplicius Simplicissimus" trotz der Parallelen zur aktuellen Moderne ein "Schelmen"-Roman, wie oft behauptet wird? Auch das, Autor Grimmelshausen lacht über das Grauen, das er schildert, entlarvt die Menschen als das, was sie damals waren und heute noch sind: im Frieden brave Untertanen, die nur fürs Glück im eigenen Winkel schuften, im Krieg schlimmer als jedes Fantasy-Untier, denn wenn die Gesetze von Staat und Glaube oft genug gebrochen worden sind, kam und kommt Fressen immer vor der Moral. Begleitet von heftigstem Sex und immer stärker werdendem Vergnügen an der Ohnmacht und dem Leiden anderer.

Grimmelshausen ist ein genialer Geschichtenerzähler. Er liebt seine Abschweifungen, die Detailgenauigkeit, aber immer wenn der moderne Leser gerade weiterblättern will - so viel wollte man über die Umstände wirklich nicht wissen, aus denen Simplicius sich gerade mal wieder freistampeln muss -, passiert etwas Spannendes, Aberwitziges, Unglaubliches. Oder etwas so Banales, dass auch das zum Kichern reizt. Dann muss atemlos weitergelesen werden. Und beim nächsten Atemholen zurückgeblättert zu dem, was man vorher übersprungen hat. Weil der barocke und der neudeutsche Sprachkünstler einfach zu gut, zu präzise, zu intelligent, zu schön schreiben und beschreiben, um auch nur einen Satz zu versäumen.





   

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