Sachbücher / Lesbare Wissenschaft
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Der zweite Code

Autor(en): Peter Spork
Verlag: Rowohlt
Preis: 19.90
ISBN: 978-3-498-06407-5
Erschienen: Juni 2009

Durschnittliche Bewertung: Bewertung: 5 von 5 Sternen

Buchauszug:

Die Worte "Revolution" oder "revolutionär" werden an vielen Stellen diess Buches auftauchen. Viel zu oft, werden manche kritisieren. Immer noch zu selten, werden andere erwidern. Als Wissenschaftsautor und Biologe kann ich nur versichern, dass ich diese Begriffe eher sparsam einsetze: im Zusammenhang mit der Epigenetik - sie lehrt uns, wie wir unsere Gene mit Hilfe des Lebensstils ein Stück weit selbst steuern können - drängen sie sich allerdings ständig auf. Denn der neue Forschungszweig verspricht unser aller Leben und das unserer Kinder und Kindeskinder umzukrempeln.

README Buchbesprechung:

Autor: avb, Datum: 31.07.2009
Buch-Bewertung: Bewertung: 5 von 5 Sternen
Die hier zitierten Sätze stamm aus dem Vorwort dieses sensationellen Buches, und der promovierte Neurobiologe, Journalist und Autor Peter Spork übertreibt nicht:

Die Epigenetik, deren Erforschung und Versprechungen er hier sehr gut lesbar und verständlich vorstellt, liefert tatsächlich Revolutionelles: die bis vor kurzem noch von fast allen Biologen als völlig unwissenschaftlich abgelehnte Idee, dass die Umwelt, aber auch wir selbst unsere Gene beeinflussen. Und dass wir mit der richtigen Umsetzung dieser Idee ins Praktische nicht nur gesünder alt werden und den Tod länger hinauszögern können, sondern diese neu programmierten Gene auch an unsere Kinder vererben.

Die Behauptung, dass die Umwelt der Eltern auch das Erbgut der Kinder beeinflusst, dass sich erworbene Eigenschaften der ersten Generation bei den Nachkommen zeigen können, stellte vor rund 100 Jahren der Franzosen Lamarck auf - und wurde dafür von seiner Biologenzunft verlacht. Darwins Belege dafür, dass sich Gene nur durch zufällige Mutationen ändern, hatte schon damals die allermeisten Erbforsch erüberzeugt und blieb bis heute DAS unumstößliche Paradigma der Biologen: Evolution ist zwar Anpassung an äußere Imstände, hieß und heißt es, aber die einzelne Amöbe, die Auster oder der Affe haben darauf nicht den geringsten Einfluss. Genauso wenig wie der Mensch.

Die neue Epigenetik beweist: In diesem speziellen Punkt irrte Darwin - so richtig er im allgemeinen lag, denn: Das Genom, die Summe aller Gene, wirkt im Körper nur als biologische Hardware. Die Software dazu liefert die Epigenetik. So nennen Zellforscher ihre neue Wissenschaft und beschäftigen sich deshalb mit den "Strukturen, die jeder Zelle ihre Identität verleihen". Sie werden Epigenom genannt, und Sport erklärt seine Aufgabe so:

Das Epigenom "sorgt dafür, dass die Zelle nicht nur die Baupläne für alle möglichen Proteine speichert" - über sie werden die Gene aktiviert oder abgeschaltet -, "sondern auch die Anweisungen, welche dieser Baupläne zum Einsatz kommen sollen." Und wann. Die revolutionär neue Erkenntnis, die sich daraus ergibt:

Jeder Mensch beeinflusst sein Epigenom im Lauf seines Lebens selbst oder verändert es durch seine Lebensumstände - durch das, was er freiwillig isst, trinkt und an Giftstoffen etwa übers Rauchen aufnimmt wie zum Beispiel durch einen schweren Unfall, Krieg oder eine Hungersnot. Deshalb werden auch eineiige Zwillinge sich von Jahr zu Jahr unähnlicher. Deshalb bekommt die eine Frau mit einem Brustkrebsgen tatsächlich ein Carcinom, aber andere nicht. Und weil die eigenen Gene auf Verhalten und Umwelt reagieren, weil die erworbenen Eigenschaften zumindest zum Teil auch vererbbar sind, haben so viele dicke Eltern dicke Kinder.

Wahrscheinlich, denn noch steht diese Wissenschaft erst in den Startlöchern. Zwillingsstudien und Tierversuche haben zwar schon bewiesen, dass die Epigenetik die Ursache von Krankheiten genauer erklären kann als so simple Behauptungen wie: Schuld ist ein Virus! Oder: Schuld sind Sie selbst, weil Sie zu viel Kartoffelchips essen und Ihren Kindern zu viele Snacks erlauben! Aber: Das Zusammenspiel von Genen und Proteinen, die sie steuern, ist zu komplex, um die bisherigen Erkentnisse schon in die Entwicklung von Medikamenten gegen (zum Beispiel) Depression, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs umzuwandeln. Obwohl das - neben dem reinen Erkenntnisgewinn - natürlich das Ziel der Epigenetiker ist. 

Der Verdienst von Peter Spork: Er erklärt die revolutionäre Wissenschaft so spannend wie für Laien begreifbar. Und er unterfüttert die Aussagen der befragten Wissenschaftler mit (sehr klugen!) eigenen Überlegungen, die für jeden Leser nutzbar sind:

* Über den epigenetischen Sinn der richtigen, also fleischarmen, aber gemüsereichen Ernährung etwa. Besonders in den ersten Monaten einer Schwangerschaft und während der Stillzeit, denn dann prägt die Menge an den richtigen oder falschen Nährstoffen auf Dauer die Gesundheit des Kindes.
* Über den körperlichen wie seelischen Nutzen von reichlich Streicheleinheiten für Kinder, die ihnen für ein ganzes Leben mehr Kraft (und Glück!) garantieren.
* Über die gefährlichen Wirkungen körperlicher Faulheit und die positiven eines intensiven Sportprogramms.
* Über die Gefährlichkeit von Alkohol und Niktotin, durch die bestimmte, für eine dauerhafte Gesundheit unentbehrliche Gene abgeschaltet werden können.
 
Sporks Konsequenz daraus: "Wir sollten den inneren Schweinehund ein für alle Mal besiegen und uns endlich mehr bewegen, gesünder ernähren und mit unseren Kindern besonders liebevoll umgehen. Ärzte sollten diese Tipps häufiger anstelle von Medikamenten verordnen. Patieten sollten sie konsequenter umsetzen, und alle gesundheitsbewussten Menschen sowie sämtliche Eltern sollten sie tief verinnerlichen.""

Für mich das Beste an dieser neuen Forschungsrichtung und an Sporks Buch: Hier bekomme ich meine Verantwortung zurück, die mir Darwins Evolutionslehre genommen hatte. Jetzt ist nicht mehr (nur!) der Zufall an den Eigenschaften schuld, die ich von meinen Vorfahren erbte. Jetzt bin ich (zumindest zum Teil) wieder selbst zuständig. Und zwar nicht nur auf der moralischen Ebene - "du sollst nicht rauchen, weil du damit andere schädigst und selbst früher stirbst" -, sondern bis tief hinein in meine Zellen. Ich bin nicht mehr (nur) kritischer Verstand, der über so an- und aufregende Bücher wie "Der zweite Code" jubelt, sondern wieder ein Ganzes, bei dem die Freude bis in die Zellkerne wirkt.

Dazu kommt als weiterer Pluspunkt: Epigenetische Forschungen an Tieren zeigen, dass eine schädliche Programmierung nicht unveränderliches Schicksal ist, sondern tatsächlich wieder aufgehoben werden kann. In der ersten Lebenszeit lieblos behandelte Kinder können durch liebevolle Ersatzmütter wieder fröhlich werden, also ohne selische Schäden erwachsen und alt. Und traumatische Erlebnisse müssen auch bei Sensiblen nicht auf Dauer zu psychischen und körperlichen Störungen führen, denn wir können unsere Gehirnzellen umtrainieren und so neue Programme für ihre eigene Epigenetik scheiben wie für die von ihnen gesteuerten Körperzellen.

Für mich ist "Der zweite Code. Epigenetik - oder wie wir unser Erbgut steuern können" ein Whauuu!-Buch, weil das Lesen meine gehirninterne Produktion von Glückshormonen steil in die Höhe getrieben hat. Ich bin sicher: Jedem, der sich auch nur ein bisschen für neue medizinisch-biologische Erkenntnisse und die davon zu erwartenden Anwendungsmöglichkeiten interessiert, wird es genauso gehen.

  








 

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