Historisches / Sachbücher
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Die unbekannte Mitte der Welt

Autor(en): Tamim Ansary
Verlag: Campus Verlag
Preis: 24.90
ISBN: 978-3-593-38837-3
Erschienen: Anfang 2010

Durschnittliche Bewertung: Bewertung: 5 von 5 Sternen

Buchauszug:

Die folgenschwerste dieser drei Entwicklungen (Industrialisierung, Verfassungsbewegungen, Nationalismus) war die Industrialisierung. ... Der technologische Durchbruch, den eine bestimmte Erfindung darstellt, ist (aber) nur eine von vielen Erfolgszutaten. Erst der gesellschaftliche Kontext entscheidet darüber, ob sie sich durchsetzt.

Die Dampfmaschine liefert ein eindrucksvolles Beispiel für diese Behauptung. Wie würden vermutlich annehmen, dass es keine nützlichere Maschine gibt, und keine, die im Moment ihrer Erfindung eine revolutionärere Wirkung entfalten könnte. Doch in der muslimischen Welt gab es die Dampfmaschine schon drei Jahrhunderte bevor sie im Westen erfunden wurde. Dort löste sie allerdings rein gar nichts aus. Die Dampfmaschine wurde erfunden, um beim Festbankett eines reichen Mannes einen Drehspieß anzutreiben und ein Schaf von allen Seiten knusprig braun zu grillen. (Eine Beschreibung des Geräts findet sich in einem Buch des türkischen Ingenieurs Taqi al-Din aus dem Jahr 1551.) Nach dem Fest fiel niemandem eine weitere Verwendungsmöglichkeit für den Apparat ein und er wurde wieder vergessen.

Die perfekt lesbare Übersetzung von "Destiny Disrupted: A History of the World Trough Islamic Eyes" aus dem Englischen lieferte Jürgen Neubauer.

README Buchbesprechung:

Autor: avb, Datum: 22.02.2010
Buch-Bewertung: Bewertung: 5 von 5 Sternen
Warum sich die in der Türkei weit früher als in England erfundene Dampfmaschine nur in Europa durchgesetzt hat? Tamim Ansary, Sohn eines afghanischen Vaters und einer amerikanischen Mutter (mit finnisch-jüdischen Wurzeln), Autor des Bestsellers "West of Kabul, East of New York", erklärt die Unterschiede in den beiden Gesellschaften sehr einleuchtend:

In der muslimischen Welt gab es "Waren im Überfluss, die von Millionen von Handwerkern hergestellt und über effiziente Netzwerke verkauft wurden. Außerdem standen die Erfinder im Dienst einer nichtproduktiven Oberschicht, die alles hatte, was sie brauchte." In England wurden mit den ersten Dampfmaschinen nicht nur Bergwerke entwässert, sondern kurz darauf die Kohlewagons zu den Häfen gebracht, dann die Webstühle angetrieben und schließlich alles Maschinen, mit denen sich Massenwaren herstellen ließen. Schneller, billiger und profitabler als in Handarbeit. Von Bürgern, die keinerlei traditionelle Bindung zu den arbeitslos werdenden Handwerkern hatten wie die in ihrer Religion, den Klans und Familienverbänden weit stärker "organisierten" Moslems.

Die Dampfmaschine ist nur ein winziges Beispiel aus einem Buch, das von Seite zu Seite mehr fesselt. Weil Tamim Ansary tatsächlich die Welt, wie wir sie kennen, aus einem neuen Blickwinkel, aus islamischer Sicht zeigt, und da wirkt sie ganz anders als in unseren europäischen Schulbüchern. Und spannend.  Auch, weil der Autor so präzise, stilistisch angenehm schreibt, alles Überflüssige vermeidet (und mit Jürgen Neubauer vom Campus Verlag einen so guten Übersetzer bekommen hat). Noch wichtiger aber sind natürlich die unendlich vielen neuen Informationen, die er dem Leser liefert - von Mohammed selbst bis zum modernen Iran, aus dem mittelalterlichen Spanien, dem osmanischen Reich zum Saudi-Arabien von heute.

Ansarys Schlussfolgerung: Die Auseinandersetzung zwischen West und der Mitte, der islamischen Welt, kann man tatsächlich als Kampf der Kulturen beschreiben - nicht weil die eine demokratisch ist und die andere nur in Ausnahmefällen, die eine christlich und die andere muslimisch, sondern weil beide aneinander vorbeireden, zu wenig Ahnung voneinander haben, zumindest der Westen von den Moslems und davon, was sie über eineinhalb Jahrtausende geprägt hat.

Von der "unbekannten Mitte der Welt" können wir eingebildeteten Westler eine Menge lernen. Ganz bestimmt einen etwas globaleren Blick auf die Geschichte als bisher. Vielleicht sogar ein besseres Verständnis für die meisten Islam-Gläubigen und die immense Anpassungsleistung, die sie zur Zeit gegenüber der (vom Westen initiierten) Moderne erbringen.


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