Historisches / Sachbücher
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Katharina die Große und Fürst Potemkin

Autor(en): Simon Sebag Montefiore
Verlag: S. Fischer
Preis: 24.95
ISBN: 978-3-10-050613-9
Erschienen: September 2009

Durschnittliche Bewertung: Bewertung: 5 von 5 Sternen

Buchauszug:

Im Kellergeschoss des Winterpalais, unter Katharinas Kapelle, war ihr russisches Bad - die banja -, wo sich offenbar ein großer Teil der Affäre abspielte.

"Mein Täubchn, solltest Du etwas essen wollen, so wisse, dass alles im Bad vorbereitet ist. Aber ich bitte Dich, es nicht von dort wegtragen zu lassen, weil sonst jeder weiß, dass dort gekocht wird."

(Und) nach Potemkins Beförderung zum Oberstleutnant der Garde schreibt Katharina im März 1774:

"Guten Morgen, Herr Oberstleutnant. Wie fühlst Du Dich nach deinem Bad? Mir geht es gut, und dank Deiner fühle ich mich wunderbar. Ob Du wohl weißt, wovon wir sprachen, nachdem Du gegangen warst? Es ist leicht zu erraten, wenn man weiß, wie klug Du bist: von Dir, mein Liebling! Nette Dinge wurden über Dich geäußert, und man fand Dich über jeden Vergleich mit anderen Männern erhaben. "

Die sehr flüssige, besonders schöne Übersetzung aus dem Englischen stammt von Bernd Rullkötter und Sabine Baumann. Leider sind die Übersetzer von Katharinas Briefen nicht angegeben, aber sie verdienen ein besonders Lob.

README Buchbesprechung:

Autor: avb, Datum: 08.09.2009
Buch-Bewertung: Bewertung: 5 von 5 Sternen
Katharina die Große, Zarin von 1762 bis 1796, Zeitgenossin von Friedrich dem Großen und Maria Theresia, 1729 als Prinzessin von Anhalt-Zerbst geboren, als 15-Jährige mit dem künftigen Zaren verheiratet - sie war eine erstaunliche Frau, aber ihr Geliebter, Fürst Potemkin, war wohl noch faszinierender. Nicht nur die Zarin erlag seinem Charme, auch der englische Autor Simon Sebag Montefiore konnte sich ihm nicht entziehen, und deshalb handelt dieses Buch in erster Linie von dem Mann, den Katharina die Große gegen Ende ihres Lebens sogar geheiratet haben soll.

Ob diese Heirat tatsächlich stattgefunden hat, konnte auch der renommierte Historiker Montefiore - berühmt geworden mit Weltbestsellern über russische Geschichte, unter anderem "Stalin - am Hof des roten Zaren" - nicht klären. In seinen Stammbäumen am Ende des so dicken wie spannendn Buches versieht er  das Heirats- mit einem Fragezeichen. Aber darauf kommt es auch nicht an, denn von Anfang an macht er völlig klar:

Katharina und Potemkin verband eine lebenslange, heiße Liebe - was beide nicht daran hinderte, sich mit anderen Partnern zu vergnügen und ein Reich aufzubauen, das keiner der westlicher lebenden Potentaten ihnen zugetraut hätte. Potemkin eroberte den ganzen Süden, den Russland heute noch beansprucht. Er gründete immer neue Städte, und die bestandenen keineswegs aus Holzfassaden, um Katharina Fortschritte vorzutäuschen, die es nicht gab. Er schaffte es tatsächlich, die erstaunlich schnell eroberten Gebiete im Süden des russischen Reiches zum Blühen zu bringen, die Einwohnerzahl ebenso schnell zu erhöhen wie den wirtschaftlichen Ertrag.

Viele, auch kritische Zeitgenossen bezeichneten den späteren Fürsten und (als Herrscher über die selbst eroberten Länder) Vizeregent der Zarin als Genie. Militärisch, diplomatisch, politisch. Und wenn man den hier immer wieder zitierten Briefen Katharinas an ihm glauben darf, auch als Liebhaber und Freund. Sexuelle Treue? Sie scheint beiden weit weniger wichtig gewesen zu  sein als die lebenslange enge Zusammenarbeit, das tiefe Einverständnis, das sie verband und ihnen politische Entscheidungen leicht machte.

Allerdings: Nach der Schilderung Montefiores herrschte damals nicht nur am Zarenhof in St. Petersburg und Moskau ein ziemlich lockeres Leben. Über das der Bauern und der "arbeitenden Klasse" weiß man zu wenig, aber der Adel ließ sich durch Eheschließungen nicht zu einem Leben nach den Geboten westcrhistlichen order orthodoxer Priester zwingen. Man heiratete aus wirtschaftlichen und dynastschen Gründen passende Partner. Nach der feierlichen Hochzeit ging es noch um die Geburt eines Nachfolgers und Erben. Was die nach so sorgsam ausgetüftelten Plänen Verheirateten später im Bett, auf seidebezogenen Diwanen und wie Katharina und Potemkin im Bad trieben - das war Anlass zu Hunderten von Intrigen, aber kein Grund zu moralischer Empörung. Bei aller Frömmigkeit, die besonders Russen gern zeigten. Und zumindest die mutigeren unter den Frauen waren in ihrer Wahl der Liebhaber, bei der Suche nach sexueller Lust und aushäusiger Liebe fast so frei wie die Männer. Zumindest wenn sie Macht und eigenes Vermögen hatten.

Katharina hatte beides. Und einen brillanten politischen Verstand. Ihr offizieller Gatte Peter III spielte nach Aussagen aller Zeitgenossen lieber mit Zinnsoldaten in den Uniformen des von ihm sehr bewunderten preußischen Heeres statt mit Frauen, kam in der Hochzeitsnacht betrunken in ihr Bett, zeugte aber wenigstens einen Nachfolger - und nervte seine Frau entsetzlich. Kein Wunder, dass sie ein Jahr nach seiner Krönung einen Staatsstreich inszenierte, den Zaren einkerkern ließ und sich selbst zur Herrscherin aller Reußen krönen. Kurz darauf wurde Peter ermordet, aber die junge Zarin überstand auch diesen Skandal mit Charme, Chuzpe und Glück, und die nächsten 34 Jahre, bis zu ihrem Tod, konnte niemand ihr die Herrschaft streitig machen.

Potemkin hätte es vielleicht gekonnt, aber selbst als die sexuelle Anziehungskraft zwischen ihm und der Zarin nachließ, als beide sich andere Bettgefährten gesucht hatten, blieb er der treue Freund, auf den sich die Katharina hundertprozentig verlassen konnte. Natürlich wurde er in dieser Zeit immer reicher und mächtiger, aber das entsprach dem allgemein gültigen und bis heute unveränderten Maßstab - wer den Enflussbereich seiner Auftraggeber um ganze Länder erweiterte - Potemkin sicherte Russland durch die Eroberung der Krim immerhin den schon lange ersehnten Zugang zum Schwarzen Meer! -, durfte und sollte auch davon profitieren.  Manager von heute tauschen im Lauf ihrer Karriere schließlich auch den Golf mit einem Audi und diesen dann gegen den dicksten Mercedes, der im Angebot ist. Sie wechseln Jeans gegen Brioni-Anzüge und alternde Ehefrauen gegen immer neue jüngere Geliebte.

Potemkin investierte das von Katharina geschenkte wie das selbst eroberte Vermögen nicht nur in Schmuck für seine Bettfreundinen, die besten Pferde und die schönsten Gardeuniformen Russlands, sondern auch in den systematischen Ausbau der neurussischen Gebiete, um die Katharinas Jetztzeit-Nachfolger Putin wieder heftig ringt.

Simon Sebag Montefiore stützte sich für seine Biographie des Fürsten und der Zarin, für die Beschreibung von "Mätressen, Dandys, Diplomaten und Abenteurer" (Rücktteltext), die sich an ihren Höfen aufhielten, nicht nur auf seine immensen Wissen der russischen Geschichte. Er konnte dafür auch bisher unveröffentlichte Dokumente auswerten. Dadurch wird sein dickes Buch zu einer Art faktischem Thriller und zu einem Werk mit aktuellem Bezug, denn es liefert jede Menge Erklärungen für die aktuelle russische Politik, für Putins im Westen so hart verurteilten Griff nach Georgien, seine Weigerung, der Ukraine die Krim zu überlassen.

Weil sich "Katharina die Große und Fürst Potemkin" aber nicht auf die große Politik beschränkt, nicht nur von dem schwierigen Balanceakt von Zarin und Fürsten zwischen Friedrich dem Großen, dem aufstrebenden Empire der Briten und den "jungen" Amerkanern erzählt, von Verhandlungen mit Maria Theresias kaiserlichem Nachfolger Joseph II oder dem Sultan in Istanbul (alles übrigens stilistisch großartig und sehr spannend), weil es  "eine der größten Romanzen der Geschichte" schildert (Rücktiteltext),  ist es sogar für jene ein Lesevergnügen, die Liebesgeschichten spannender finden als politische Altintrigen. Auch sie werden feststellen: Katharina trägt den Titel "die Große" zu Recht. Auch aus heutiger Sicht.






 

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