Sachbücher / Trend/Zukunft
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Verteufelt gut
Autor(en): Taras Crescoe
Verlag: Karl Blessing Verlag
Preis: 19.95
ISBN: 978-3-89667-6
Erschienen: Frühsommer 2009
Durschnittliche Bewertung:
Verlag: Karl Blessing Verlag
Preis: 19.95
ISBN: 978-3-89667-6
Erschienen: Frühsommer 2009
Durschnittliche Bewertung:
Buchauszug:
"Oh, oui, Chocolat! Sie hebt die Stimmung! Sie wirkt belebend!", rief sie und streckte ihren Rücken mit einem ausdrucksvollen Ruckeln ihres Hinterteils. "Ich glaube, es ist eine Droge, aber so eine, die man nicht täglich missbrauchen sollte. Sonst riskiert man seine Figur, vor allem wegen der Schlagsahne." Sie blies ihre geschminkten Wangen auf, als nicht sehr überzeugende Andeutung von Fettleibigkeit.Ich fragte Marie-Joseph, eine große, schlanke Kellnerin mit ein wenig Grau im tiefschwarzen baskischen Haar ..... ob sie glaubte, dass sie (ihre Kunden) im Grunde genommen schokoldadesüchtig waren?
"Selbstverständlich! Ich bin ja selbst süchtig. Wenn man immerzu nascht, wird man abhängig. Ich brauche jeden Tag meine dunkle Schokolade mit ein bisschen Orangenschale. Im Sommer schließen wir immer für drei Wochen - das ist schrecklich! Es ist jedes Mal fast wie eine Entziehungskur!"
Ins Deutsche übersetzt wurde "Devil´s Picnic" von Franka Reinhart
README Buchbesprechung:
Autor: avb, Datum: 30.07.2009Buch-Bewertung:
Dem kanadischen Journalisten und Buchautor Taras Crescoe geht es auch um verbotene Genüsse wie etwa Stierhoden - in der EU nicht erlaubt - oder in manchen US-Staaten verbotenen Rohmilchkäse . Und es geht ihm um Suchterreger, also um Alkohol, Mohn-und Coca-Produkte. Was er mit seinen locker-fröhlichen, sehr informativen und, wenns um Süchte geht, wissenschaftlich sehr genau begründeten Darstellungen seiner Genusssuche wirklich erreichen will, ist mehr als das Amüsement der Leser.
Ob er in Norwegen illegal gebrannten Wikinger-Schnaps probiert, in Singapur an Mohnderivate zu kommen versucht, in der Schweiz Absinth trinkt, so stark wie ihn die Künstler vor rund 100 Jahren auf dem Montmartre genossen, oder sich in Montreal auf die Suche nach original kubanischen Zigarren macht - das ganze, gleichzeitig leicht zu lesende wie tiefgründige "Verteufelt gut" ist ein Plädoyer für mehr Toleranz und weniger staatliche Einmischung in das Verhalten der Bürger.
Das ist politisch natürlich völlig unkorrekt. Der weltweit Drang nach mehr Gesundheit und ein längeres Leben ist nicht zu bremsen. Offiziell geht es den Staaten deshalb nur um den Schutz ihrer Bürger, wenn sie die Absinth, Opium oder Kokain verbieten und deshalb Hersteller, Händler und Konsumenten gleichermaßen verfolgen, den Verkauf von Rohmilchkäse einschränken oder vor dem Genuss von Schokolade warnen. Wer sich nicht selbst beschränken kann, muss - so die derzeit herrschende Doktrin in Demokratien und Diktaturen - dazu gezwungen werden. Seinetwegen, aber auch weil Gesunde den staatlichen Gesundheitsdienst weniger belasten. Die Pflege von Alkohol- oder Heroinsüchtigen kostet die Allgemeinheit schließlich eine immense Menge Geld, führt zu Unfällen und riesigen Verbrecherkartellen. Das leuchtet ein, und deshalb ist es kein Wunder, dass es sich die meisten widerspruchslos gefallen lassen.
Taras Crescoe verweigert sich. Stattdessen wurde er mit "Verteuflt gut" zum einsamen Rufer in der Wüste individueller Freiheitssehnsüchte. In immer neuen, interessanten Variationen verkündet er in seinen spannenden Reportagen die Überzeugung des alten Preußenkönigs, dass jeder auf seine Facon selig werden darf. Eher leise als explizit, aber die Botschaft ist klar:
In all ihren Genussverboten spielen die Staaten Übermami und behandeln die Bürger wie kleine Kinder. Oder Untertanen. So oder so - Papi know´s best, und ihr habt zu gehorchen.
Klar, die totale Freigabe von alkoholischen Getränken im streng antialkoholischen Norwegen oder der unbehinderte Verkauf von Rauschmitteln wie Heroin und Kokain anderswo würde die Zahl der Süchtigen erst mal erhöhen. Das sagt die Lebenserfahrung. Aber ob die Zahlen auf Dauer höher bleiben würden als sie es jetzt sind? Oder vielleicht sogar sinken? Von staatlichen Zuschüssen unabhängige Wissenschaftlern neigen zu letzterem.
Crescoe ist überzeugt, dass eher weniger als mehr Menschen zu Suchterregern greifen würden als heute (ich auch!) Auf jeden Fall würden die Rauschgiftkartelle, die vielen Schmuggler und illegalen Kleinhersteller verschwinden, und die an den Antikampagnen beteiligten Mediziner, Psychologen und Soziologen würden sich vielleicht, endlich, mit der Suche nach Lösungen beschäftigen, die intelligenter sind als Verbote.
Die Erfolgschancen sind gering. Wir haben uns daran gewöhnt, dass der Staat uns immer mehr von dem verbietet, was Spaß macht, aber gleichzeitig unsere Gesundheit gefährden könnte - siehe die Rauchverbote der letzten Jahre und die immer stärker werdende Diskriminierung von Dicken, gleichgültig ob sie Schokolade schlemmen oder fettreiche Kartoffelchips (warum sind gefährliche Sportarten eigentlich immer noch erlaubt?). Inzwischen haben wir das Idealbild des modernen Menschen verinnerlicht und der hat fit, schlank und schön zu sein, rund um die Uhr arbeitsfähig und bitte nicht zu neugierig auf ungewöhnliche Erfahrungen, denn die könnten ja seine Fitness gefährden.
Um diese "Gewohnheit" ans Sichere, die politische Korrektheit des demütig-feigen Mitmachens zu brechen oder zumindest aufzuweichen, ist "Verteufelt gut" genau richtig. Crescoe "singt" ein überzeugendes Loblied auf genau die Genüsse, die der aktuelle, leider megastarke und weltweit wirkende Gesundheitstrend im Stil religöser Moralpredigten am liebsten aus der Welt schaffen, in den tiefsten Höllenschlund verdammen möchte. Oder genauer: Er singt ein Hohes Lied auf unsere gefährdete Freiheit, nämlich das zu tun, worauf wir Lust haben. Selbst wenn diese Lust die eigene Gesundheit gefährden, uns vielleicht sogar süchtig nach immer neuen Wiederholungen machen könnte. Auch das, in dieser meinung hat mich Crescoes Aufklärungsbuch bestärkt, gehört zur Würde des Menschen.
Muss ich überzeugte Gesundheitsapostel noch davor warnen, dieses Buch zu lesen, weil sie ihr Ärger darüber den Blutdruck in lebensgefährliche Höhen treiben würde? Wohl nicht. Für alle anderen ist es ein faszinierender Lesegenuss, der süchtig macht nach weiteren Reportagen des klugen Kanadiers.

